Burghausen
 
 
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Heimatverein Burghausen
Burghausen – Gestern und Heute

…eine neue Ausstellung in der »Alten Wache«, dem Domizil des Heimatvereins Burghausen e. V.
Die Exponateschau vermittelt einen fundierten Einblick in die Entwicklung von Burghausen im 20. Jahrhundert, die Flora, Fauna und
Archäologie des Bienitz sowie den Bau und die Nutzung des Elster-Saale-Kanals. Unsere jetzige Ausstellung soll auch die für Burghausen spezifischen Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren sichtbar machen. Dokumente, Bilder und andere Sachzeugnisse belegen die in den Texten enthaltenen Aussagen.
Die Ausstellung ist gegliedert in die Komplexe:
– Vom Bauerndorf zur Wohnsitzgemeinde,
– Bau und Nutzung des Elster-Saale-Kanals,
– Burghausen und seine Bürger (Freiwillige Feuerwehr, Vereine / Organisationen, Gast- und Erholungsstätten),
– Unser Bienitz mit seiner schützenswerten Flora und Fauna

 
 



Dr. Karl Heine wird Gutsbesitzer in Burghausen

Mitte des 19. Jahrhunderts war Burghausen ein Bauerndorf mit mittleren und kleinen Höfen: Nach dem Kauf einiger Gutshöfe mit den dazugehörigen Ackerflächen und Wiesen durch Dr. Karl Heine und der fortschreitenden Industrialisierung des Leipziger Westens zeigten sich erste Veränderungen in der Infrastruktur, der Architektur neuer Gebäude und in der Bevölkerungsstruktur. Dieser Prozess verstärkte sich zunehmend und führte (ab etwa 1900) unaufhaltsam in Richtung einer Wohnsitzgemeinde am Rande der Großstadt Leipzig. Burghausen entwickelte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus einem

 
 

Bauerndorf zu einer Gemeinde, in deren Siedlungs- und Bevölkerungsstruktur sich die Urbanisierung des ländlichen Raumes im Umfeld einer Großstadt widerspiegelt. Sichtbar wird dies vor allem in der Architektur der Wohngebäude, die zwischen 1900 und 1915 entstanden.


Ein »großer« Bebauungsplan für Burghausen
1907 erarbeitet der Gemeinderat einen Bebauungsplan, der diese Entwicklung nachhaltig fördert. Vorarbeiten zu einem solchen Plan gab es bereits ab 1900. Zwei Jahrzehnte (1900 bis 1919) hat Robert Alfred Schröder als Gemeindevorstand oder dessen Stellvertreter die Entwicklung von Burghausen erfolgreich mitgestaltet. Einige Ergebnisse in seiner Amtszeit:
– Einführung von Straßenamen anstelle von Ortslistenummern,
– Auflösung der so genannten »Altgemeinde«; keine Privilegien mehr für die alteingesessenen Bauernfamilien (1910),
– Öffnung des Dorfplatzes in westlicher Richtung durch umfangreiche Flurstückveränderungen und Bau einer Straße (1911),
– Schaffung eines neuen (zweiten) Dorfplatzes an der Mündung der später nach ihm benannte Straße in den damaligen Wirtschaftsweg (jetzt Schkeuditzer Straße),
– damit Ortskernerweiterung und rege Bautätigkeit mit villenartigen Häusern an diesem Platz und der Umgebung,
– Veränderungen im Ortsbild (durch zunehmend städtische Architektur),
– Modernisierung der Infrastruktur durch Anschluss an das öffentliche Netz in der Versorgung mit Wasser, Gas und Elektroenergie sowie Entsorgung des Abwassers,
– Ausbau bestehender Straßen,
– Entstehung des Rodelbahn-Komplexes als Ausflugsziel.
Entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung in Burghausen hatte Dr. Karl Heine, der Pionier des Leipziger Westens, und die von ihm gegründete Leipziger Westend-Baugesellschaft. Es erfolgten weitere umfangreiche Käufe von Ackerland und Wiesen durch die »Westend«. Es entstand ein auf Aktienkapital beruhender Gutshof in Burghausen. Motive dafür waren:
– der erwartete Trassenverlauf des in Planung befindlichen Elster-Saale-Kanals,
– der Bienitzwald als entwicklungsfähiges Ausflugsziel der Leipziger Bevölkerung und
– die Aufbereitung von Bauland für den Wohnungsbau am westlichen Stadtrand von Leipzig.
Einige jetzt im Stadtarchiv Leipzig zugängliche Schreiben der Leipziger Westend-Baugesellschaft und eine »Festschrift« (1936) geben einen aufschlussreichen Einblick in deren Geschäftsstrategie. Als Geschäftszweck wird hervorgehoben: »Erwerb und Wiederveräußerung von Grundstücken«. In einem dieser Schreiben heißt es: »Unser Betrieb ist nicht dazu da, um Landwirtschaft zu betreiben. Wir betreiben Landwirtschaft lediglich auf den uns gehörenden Grundstücken solange, bis wir diese anderweit verwertet haben.« »Die Beschaffung und der Verkauf von Bauland war neben dem Sandgrubenbetrieb und der Landwirtschaft eine Lebensfrage für die Leipziger Westend-Baugesellschaft«. Ein »Mörtelwerk« produzierte Mörtel für die Leipziger Bauindustrie.

Hügelgräber und eine »Rodelbahn« im Bienitz

Bis vor reichlich 100 Jahren wurde im Bienitzwald nur Brenn- und Bauholz geschlagen. Der unbewaldete Teil des Bienitzhügels wurde von Burghausener Bauern landwirtschaftlich genutzt.

Nach 1830 begannen Botaniker den Bienitz und die Zschampertniederung umfassend zu untersuchen. Sie hatten den Reichtum an botanischen Besonderheiten erkannt und begannen sie systematisch zu erforschen. 1841 veröffentlichte der Botaniker W. L. Petermann nach mehreren Jahren der Forschung ein Leitwerk über die Flora des Bienitz und der Zschampertniederung. Er prägte den heute allgemein bekannten Begriff vom Bienitz als »Kreuzberg der Blumen«.

Nach 1900 begann eine staatlich geförderte archäologische Aufnahme der Bodenaltertümer. Es wurde in Sachsen das »Königliche Archiv urgeschichtlicher Funde aus Sachsen« eingerichtet. Die Grabhügel auf dem Bienitzhügel zählen zu den ältesten Bodendenkmalen Nordwestsachsens; sie sind die einzigen in der Umgebung Leipzigs. Professor Deichmüller erfasste 1906 fünf Hügelgräber. 1906 und 1914 wurden von Professor Deichmüller Grabungen an den Hügeln III und I durchgeführt. 1935 wurden die Hügelgräber im Bienitz in die Liste schützenswerter Objekte aufgenommen. Erfasst als Bodendenkmal sind im Landesamt für Archäologie aber nur die seit 1935 durch Findlinge mit der Inschrift »Hügelgrab. Jüngere Steinzeit 3000 bis 2000 v. Chr.« gekennzeichneten Hügel I, III, IV und V. Über die fünf von Professor Deichmüller 1906 erfassten Hügelgräber hinaus gibt es keine wissenschaftlich belegten Zahlen, nur gewisse Hinweise. Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass am Kammweg insgesamt 12 Erdhügel als Hügelgräber erkennbar sind. Die Dokumentation der Grabungen von Professor Deichmüller wurde für die Ausstellung aufbereitet und Auszüge daraus in die Ausstellung einbezogen.

Um 1900 wurde eine Schneise am Westhang im nördlichen Teil des Bienitzhügels innerhalb des Bienitzwaldes von den Burghausenern und den Bewohnern der umliegenden Gemeinden zum Rodeln genutzt. Zunehmend wurde diese Rodelmöglichkeit auch Leipziger Ausflüglern bekannt. Es entstand eine »Wilde« Rodelbahn, den alten Burghausenern als »Alte Rodelbahn« bekannt, die im Winter großen Zuspruch hatte.
Gleichzeitig war ein wachsendes Interesse der Leipziger am Bienitz als Ausflugsziel zu spüren, welches durch die 1907 erfolgte Verlängerung der Straßenbahnlinie bis nach Gundorf und die in Burghausen vorhandene Gastronomie verstärkt wurde. Neben dem bestehenden »Alten Gasthof« (ab 1913 »Alt Heidelberg« als dessen Nachfolger) und dem »Gasthof zum Bienitz« bestand seit Sommer 1908 eine Ausflugsgaststätte am Rande des Bienitz (gegenüber den Schießständen), die Gaststätte »Kurhaus Bienitz« (Baujahr 1903).

Die Leipziger Westend-Baugesellschaft und der einflussreiche Burghausener Gutsbesitzer Alfred Schröder erkannten die sich für das Bienitzgelände abzeichnende »Marktlücke« und günstigen Kapitalverwertungsmöglichkeiten. Sie gründeten – eingeordnet in die globale Geschäftsstrategie der »Westend« – im Dezember 1911 die »Leipziger Rodelbahn GmbH«. Dieses Vorhaben wurde vom Burghausener Gemeinderat wohlwollend akzeptiert und unterstützt. Der Gemeindevorstand, Gutsbesitzer Alfred Schröder, stellte die benötigten Flurstücke zur Verfügung und wurde Gesellschafter in der GmbH.

Die »Leipziger Rodelbahn« mit ihrer Gaststätte war über Jahrzehnte ein beliebtes Ausflugsziel, nicht nur der Burghausener, sondern vieler Leipziger. Der Heimatverein konnte einen »Werbefilm« (zwischen 1925 und 1930) des Gaststättenpächters auf einer DVD aufbereiten.


1921 – neuer Bebauungsplan für den Ortskern und seine Erweiterung
Eduard Amborn, von 1920 bis 1924 Gemeindevorstand und 1924 bis 1933 Bürgermeister von Burghausen, hatte bei der Ortsentwicklung ähnliche Interessen wie die »Westend«. Dies wird auch in dem neuen Bebauungsplan sichtbar. Dessen Kernstück waren:
– Bau gemeindeeigener Mehrfamilienhäuser an der Miltitzer Straße und im Auenblick,
– Beschaffung von Baukapital durch eine »Landarbeiter-Heimstätten-Genossenschaft«,
– Gründung eines Siedlervereins für den Bau von Einfamilienhäusern im Waldwinkel und in der Schkeuditzer Straße,
– Parzellierung von Bauland für private Ein- und Zweifamilienhäuser, insbesondere in der Richard-Leisebein-Straße, An den Birken und An der Rehwiese.

Albert Richard Leisebein war nach 1920 auch ohne Wahlfunktion noch in der Kommunalpolitik engagiert durch Erschließung von Bauland, Entwicklung der Infrastruktur sowie Mitbegründer und Vorstandsmitglied der »Landarbeiter-Heimstätten-Genossenschaft«.


Elster-Saale-Kanal trennt Burghausen in zwei Bebauungsgebiete

Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts musste der Bebauungsplan von 1921 überarbeitet werden. Einerseits um den gewachsenen Baulandbedarf zu berücksichtigen sowie andererseits um den durch den Bau der Eisenbahnstrecke Merseburg–Leipzig veränderten Straßenverlauf der Durchgangsstraße und die Flurtrennung durch den Kanal einzuarbeiten. Im Jahre 1933 wurden deshalb erneut Bebauungspläne für Burghausen beraten. Diesmal für zwei Plangebiete, und zwar Burghausen-Nord und Burghausen-Südost.

1933 entsteht ein Bebauungsplan für Burghausen-Südost (im allgemeinen Sprachgebrauch: »Neuburghausen«):
– Siedlung »Am Ochsenweg« (Siedlungshäuser und Gartenanlagen) entstanden in einer wirtschaftlich schwierigen Situation, u.a. schwere Wirtschaftskrise im Sommer 1931),
– Siedlungsschema – einige rechtwinklig vom Ochsenweg abgehende Straßen mit einer durchzogenen Mittelachse und wenigen Querverbindungen,
– Infrastruktur schwach entwickelt (keine Anschlüsse an das öffentliche Wasser- und Abwassernetz sowie Gasnetz, Straßen nicht befestigt).
Ein Bebauungsplan von 1935 (mit Ergänzungen bis 1944) – in der Ausstellung als Exponat vorhanden – beinhaltet Bebauungsgrenzen und Straßenführungen für Burghausen-Nord, die auch heute noch zutreffend sind; nur die bereits um 1930 konzipierte Verlegung der Durchgangsstraße wurde nicht durchgeführt.

Bei Gründung der DDR waren in Burghausen zahlreiche unbebaute Grundstücke (meistens als Gärten genutzt) vorhanden, die für eine Bebauung voll erschlossen waren (Straßen, alle Ver- und Entsorgungsleitungen). Schwerpunkt der Bautätigkeit war die Schließung von Baulücken und das Wohngebiet »Neuer Auenblick« und Kleewinkel. Auch nach 1990 zielte die Neubautätigkeit nicht darauf ab, die Ortsflur flächendeckend zu bebauen. Die Lückenbebauung wurde nach 1990 fortgesetzt.

Neu entstand ab 1993 das Wohngebiet »Am Kanal« (Plantagenweg, Sprikkenwinkel, Am Turnplatz, Am Flößgen, An der Brücke). Die in den Flurkarten eingezeichnete Umgehungsstraße nicht berücksichtigt und damit die angestrebte Verkehrsentlastung der Ortsdurchfahrt für immer verhindert. Auf die geplante Straße wurde bewusst verzichtet. Dieses neue Wohngebiet sollte nicht durch eine Durchgangsstraße vom Ortskern getrennt werden. Man befürchtete eine Beeinträchtigung der Attraktivität des Projektes sowohl für den Bauherren als auch die künftigen Mieter. Das Wohngebiet »Grasweg, Pappelweg« war schon seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Bebauung mit Einfamilienhäusern vorgesehen.

Unser Bienitz – einzigartige schützenswerte Flora und Fauna
Der Bienitzwald und die Zschampertaue sind in das Landschaftsschutzgebiet Leipziger Auewald integriert. Der Bienitz-Westhang ist geschützt als Flächennaturdenkmal. Der Bienitzhügel und die Zschampertwiesen mit ihrer Bodenstruktur, die sich durch die voreiszeitliche und eiszeitliche geologische Entwicklung herausgebildet hat, sind Standort für eine einzigartige Flora und Lebensgrundlage für eine artreiche Tier- und Insektenwelt.

Ein Lehrpfad quer durch den Bienitz. An elf Standorten mit farbigen Informationstafeln entlang einer 3 km langen Wegstrecke kann sich der Wanderer über die unterschiedlichen Standorte informieren. Die biologischen, geographischen, geologischen, historischen und technischen Besonderheiten des Bienitz können so gezielt erschlossen werden.


Renaturierung und jetzige Nutzung des ehemaligen Militärobjektes
Im Dezember 1891 wurde im Bienitzwald mit dem Bau von Schießständen für Handfeuerwaffen begonnen. Der Bau der Schießstände im Bienitzwald ersetzte den bis dahin von den königlich-sächsischen Regimentern der Leipziger Garnison für Handfeuerwaffen benutzten Schießplatz in der »Burgaue«. 100 Jahre war dann ein Teil des Bienitz ein immer mehr ausgebautes Militärobjekt.

1997 kaufte die Gemeinde Bienitz das Gelände mit einer Fläche von 24,6 Hektar. Mit Fördermitteln der Europäischen Gemeinschaft erfolgten ab 1998 der Rückbau der militärischen Anlagen, die Rekultivierung des Geländes und die Sanierung von zwei historischen Gebäuden. Die dazu erforderlichen umfangreichen Arbeiten wurden im Herbst 2001 erfolgreich abgeschlossen.

Als historische Gebäude wurden die »Alte Wache« und die »Neue Wache« saniert. Alle anderen Gebäude und Einrichtungen wurden beseitigt. Auch die Umzäunung wurde vollständig abgebaut. In den letzten Jahren hat die Natur bereits vieles zurück erobert.

Am 19. Dezember 2001 wurden die beiden denkmalgeschützten Gebäude vom Leipziger Grünflächenamt, welches das Gelände verwaltet, an die künftigen Nutzer übergeben. Die »Alte Wache« an den Heimatverein Burghausen und die »Neue Wache« an den Indianistik-Club »Ahwigacha« Burghausen. Die »Alte Wache« bietet dem Heimatverein Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten. Im Erdgeschoß der »Neuen Wache« hat der Indianistik-Club »Ahwigacha« Burghausen sein neues Domizil gefunden, nachdem die Blockhütte am Rande des Bienitz (auf dem Rodelbahngelände) 1997 durch Brandstiftung nieder brannte.

Auf den Schießständen sind im Zweiten Weltkrieg Hinrichtungen erfolgt. Es wurden hier Urteile wegen »Wehrkraftzersetzung«, »Fahnenflucht« oder »Selbstverstümmelung« vollstreckt. Für diese Opfer der NS-Militärjustiz wurde jetzt ein Gedenkstein an der »Alten Wache« aufgestellt (Einweihung: 19. Dezember 2001).

Dr. Rolf Hauschild