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Bauerndorf zu einer Gemeinde, in deren Siedlungs-
und Bevölkerungsstruktur sich die Urbanisierung des ländlichen
Raumes im Umfeld einer Großstadt widerspiegelt. Sichtbar wird dies
vor allem in der Architektur der Wohngebäude, die zwischen 1900 und
1915 entstanden.
Ein »großer« Bebauungsplan
für Burghausen
1907 erarbeitet der Gemeinderat einen Bebauungsplan, der diese Entwicklung
nachhaltig fördert. Vorarbeiten zu einem solchen Plan gab es bereits
ab 1900. Zwei Jahrzehnte (1900 bis 1919) hat Robert Alfred Schröder
als Gemeindevorstand oder dessen Stellvertreter die Entwicklung von Burghausen
erfolgreich mitgestaltet. Einige Ergebnisse in seiner Amtszeit:
Einführung von Straßenamen anstelle von Ortslistenummern,
Auflösung der so genannten »Altgemeinde«; keine
Privilegien mehr für die alteingesessenen Bauernfamilien (1910),
Öffnung des Dorfplatzes in westlicher Richtung durch umfangreiche
Flurstückveränderungen und Bau einer Straße (1911),
Schaffung eines neuen (zweiten) Dorfplatzes an der Mündung
der später nach ihm benannte Straße in den damaligen Wirtschaftsweg
(jetzt Schkeuditzer Straße),
damit Ortskernerweiterung und rege Bautätigkeit mit villenartigen
Häusern an diesem Platz und der Umgebung,
Veränderungen im Ortsbild (durch zunehmend städtische
Architektur),
Modernisierung der Infrastruktur durch Anschluss an das öffentliche
Netz in der Versorgung mit Wasser, Gas und Elektroenergie sowie Entsorgung
des Abwassers,
Ausbau bestehender Straßen,
Entstehung des Rodelbahn-Komplexes als Ausflugsziel.
Entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung in Burghausen hatte Dr. Karl
Heine, der Pionier des Leipziger Westens, und die von ihm gegründete
Leipziger Westend-Baugesellschaft. Es erfolgten weitere umfangreiche Käufe
von Ackerland und Wiesen durch die »Westend«. Es entstand
ein auf Aktienkapital beruhender Gutshof in Burghausen. Motive dafür
waren:
der erwartete Trassenverlauf des in Planung befindlichen Elster-Saale-Kanals,
der Bienitzwald als entwicklungsfähiges Ausflugsziel der Leipziger
Bevölkerung und
die Aufbereitung von Bauland für den Wohnungsbau am westlichen
Stadtrand von Leipzig.
Einige jetzt im Stadtarchiv Leipzig zugängliche Schreiben der Leipziger
Westend-Baugesellschaft und eine »Festschrift« (1936) geben
einen aufschlussreichen Einblick in deren Geschäftsstrategie. Als
Geschäftszweck wird hervorgehoben: »Erwerb und Wiederveräußerung
von Grundstücken«. In einem dieser Schreiben heißt es:
»Unser Betrieb ist nicht dazu da, um Landwirtschaft zu betreiben.
Wir betreiben Landwirtschaft lediglich auf den uns gehörenden Grundstücken
solange, bis wir diese anderweit verwertet haben.« »Die Beschaffung
und der Verkauf von Bauland war neben dem Sandgrubenbetrieb und der Landwirtschaft
eine Lebensfrage für die Leipziger Westend-Baugesellschaft«.
Ein »Mörtelwerk« produzierte Mörtel für die
Leipziger Bauindustrie.
Hügelgräber und eine »Rodelbahn« im Bienitz
Bis vor reichlich 100 Jahren wurde im Bienitzwald nur Brenn- und Bauholz
geschlagen. Der unbewaldete Teil des Bienitzhügels wurde von Burghausener
Bauern landwirtschaftlich genutzt.
Nach 1830 begannen Botaniker den Bienitz und die Zschampertniederung umfassend
zu untersuchen. Sie hatten den Reichtum an botanischen Besonderheiten
erkannt und begannen sie systematisch zu erforschen. 1841 veröffentlichte
der Botaniker W. L. Petermann nach mehreren Jahren der Forschung ein Leitwerk
über die Flora des Bienitz und der Zschampertniederung. Er prägte
den heute allgemein bekannten Begriff vom Bienitz als »Kreuzberg
der Blumen«.
Nach 1900 begann eine staatlich geförderte archäologische Aufnahme
der Bodenaltertümer. Es wurde in Sachsen das »Königliche
Archiv urgeschichtlicher Funde aus Sachsen« eingerichtet. Die Grabhügel
auf dem Bienitzhügel zählen zu den ältesten Bodendenkmalen
Nordwestsachsens; sie sind die einzigen in der Umgebung Leipzigs. Professor
Deichmüller erfasste 1906 fünf Hügelgräber. 1906 und
1914 wurden von Professor Deichmüller Grabungen an den Hügeln
III und I durchgeführt. 1935 wurden die Hügelgräber im
Bienitz in die Liste schützenswerter Objekte aufgenommen. Erfasst
als Bodendenkmal sind im Landesamt für Archäologie aber nur
die seit 1935 durch Findlinge mit der Inschrift »Hügelgrab.
Jüngere Steinzeit 3000 bis 2000 v. Chr.« gekennzeichneten Hügel
I, III, IV und V. Über die fünf von Professor Deichmüller
1906 erfassten Hügelgräber hinaus gibt es keine wissenschaftlich
belegten Zahlen, nur gewisse Hinweise. Gegenwärtig wird davon ausgegangen,
dass am Kammweg insgesamt 12 Erdhügel als Hügelgräber erkennbar
sind. Die Dokumentation der Grabungen von Professor Deichmüller wurde
für die Ausstellung aufbereitet und Auszüge daraus in die Ausstellung
einbezogen.
Um 1900 wurde eine Schneise am Westhang im nördlichen Teil des Bienitzhügels
innerhalb des Bienitzwaldes von den Burghausenern und den Bewohnern der
umliegenden Gemeinden zum Rodeln genutzt. Zunehmend wurde diese Rodelmöglichkeit
auch Leipziger Ausflüglern bekannt. Es entstand eine »Wilde«
Rodelbahn, den alten Burghausenern als »Alte Rodelbahn« bekannt,
die im Winter großen Zuspruch hatte.
Gleichzeitig war ein wachsendes Interesse der Leipziger am Bienitz als
Ausflugsziel zu spüren, welches durch die 1907 erfolgte Verlängerung
der Straßenbahnlinie bis nach Gundorf und die in Burghausen vorhandene
Gastronomie verstärkt wurde. Neben dem bestehenden »Alten Gasthof«
(ab 1913 »Alt Heidelberg« als dessen Nachfolger) und dem »Gasthof
zum Bienitz« bestand seit Sommer 1908 eine Ausflugsgaststätte
am Rande des Bienitz (gegenüber den Schießständen), die
Gaststätte »Kurhaus Bienitz« (Baujahr 1903).
Die Leipziger Westend-Baugesellschaft und der einflussreiche Burghausener
Gutsbesitzer Alfred Schröder erkannten die sich für das Bienitzgelände
abzeichnende »Marktlücke« und günstigen Kapitalverwertungsmöglichkeiten.
Sie gründeten eingeordnet in die globale Geschäftsstrategie
der »Westend« im Dezember 1911 die »Leipziger
Rodelbahn GmbH«. Dieses Vorhaben wurde vom Burghausener Gemeinderat
wohlwollend akzeptiert und unterstützt. Der Gemeindevorstand, Gutsbesitzer
Alfred Schröder, stellte die benötigten Flurstücke zur
Verfügung und wurde Gesellschafter in der GmbH.
Die »Leipziger Rodelbahn« mit ihrer Gaststätte war über
Jahrzehnte ein beliebtes Ausflugsziel, nicht nur der Burghausener, sondern
vieler Leipziger. Der Heimatverein konnte einen »Werbefilm«
(zwischen 1925 und 1930) des Gaststättenpächters auf einer DVD
aufbereiten.
1921 neuer Bebauungsplan für
den Ortskern und seine Erweiterung
Eduard Amborn, von 1920 bis 1924 Gemeindevorstand und 1924 bis 1933 Bürgermeister
von Burghausen, hatte bei der Ortsentwicklung ähnliche Interessen
wie die »Westend«. Dies wird auch in dem neuen Bebauungsplan
sichtbar. Dessen Kernstück waren:
Bau gemeindeeigener Mehrfamilienhäuser an der Miltitzer Straße
und im Auenblick,
Beschaffung von Baukapital durch eine »Landarbeiter-Heimstätten-Genossenschaft«,
Gründung eines Siedlervereins für den Bau von Einfamilienhäusern
im Waldwinkel und in der Schkeuditzer Straße,
Parzellierung von Bauland für private Ein- und Zweifamilienhäuser,
insbesondere in der Richard-Leisebein-Straße, An den Birken und
An der Rehwiese.
Albert Richard Leisebein war nach 1920 auch ohne Wahlfunktion noch in
der Kommunalpolitik engagiert durch Erschließung von Bauland, Entwicklung
der Infrastruktur sowie Mitbegründer und Vorstandsmitglied der »Landarbeiter-Heimstätten-Genossenschaft«.
Elster-Saale-Kanal trennt Burghausen in zwei Bebauungsgebiete
Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts musste der Bebauungsplan
von 1921 überarbeitet werden. Einerseits um den gewachsenen Baulandbedarf
zu berücksichtigen sowie andererseits um den durch den Bau der Eisenbahnstrecke
MerseburgLeipzig veränderten Straßenverlauf der Durchgangsstraße
und die Flurtrennung durch den Kanal einzuarbeiten. Im Jahre 1933 wurden
deshalb erneut Bebauungspläne für Burghausen beraten. Diesmal
für zwei Plangebiete, und zwar Burghausen-Nord und Burghausen-Südost.
1933 entsteht ein Bebauungsplan für Burghausen-Südost (im allgemeinen
Sprachgebrauch: »Neuburghausen«):
Siedlung »Am Ochsenweg« (Siedlungshäuser und Gartenanlagen)
entstanden in einer wirtschaftlich schwierigen Situation, u.a. schwere
Wirtschaftskrise im Sommer 1931),
Siedlungsschema einige rechtwinklig vom Ochsenweg abgehende
Straßen mit einer durchzogenen Mittelachse und wenigen Querverbindungen,
Infrastruktur schwach entwickelt (keine Anschlüsse an das
öffentliche Wasser- und Abwassernetz sowie Gasnetz, Straßen
nicht befestigt).
Ein Bebauungsplan von 1935 (mit Ergänzungen bis 1944) in der
Ausstellung als Exponat vorhanden beinhaltet Bebauungsgrenzen und
Straßenführungen für Burghausen-Nord, die auch heute noch
zutreffend sind; nur die bereits um 1930 konzipierte Verlegung der Durchgangsstraße
wurde nicht durchgeführt.
Bei Gründung der DDR waren in Burghausen zahlreiche unbebaute Grundstücke
(meistens als Gärten genutzt) vorhanden, die für eine Bebauung
voll erschlossen waren (Straßen, alle Ver- und Entsorgungsleitungen).
Schwerpunkt der Bautätigkeit war die Schließung von Baulücken
und das Wohngebiet »Neuer Auenblick« und Kleewinkel. Auch
nach 1990 zielte die Neubautätigkeit nicht darauf ab, die Ortsflur
flächendeckend zu bebauen. Die Lückenbebauung wurde nach 1990
fortgesetzt.
Neu entstand ab 1993 das Wohngebiet »Am Kanal« (Plantagenweg,
Sprikkenwinkel, Am Turnplatz, Am Flößgen, An der Brücke).
Die in den Flurkarten eingezeichnete Umgehungsstraße nicht berücksichtigt
und damit die angestrebte Verkehrsentlastung der Ortsdurchfahrt für
immer verhindert. Auf die geplante Straße wurde bewusst verzichtet.
Dieses neue Wohngebiet sollte nicht durch eine Durchgangsstraße
vom Ortskern getrennt werden. Man befürchtete eine Beeinträchtigung
der Attraktivität des Projektes sowohl für den Bauherren als
auch die künftigen Mieter. Das Wohngebiet »Grasweg, Pappelweg«
war schon seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur Bebauung
mit Einfamilienhäusern vorgesehen.
Unser Bienitz einzigartige schützenswerte
Flora und Fauna
Der Bienitzwald und die Zschampertaue sind in das Landschaftsschutzgebiet
Leipziger Auewald integriert. Der Bienitz-Westhang ist geschützt
als Flächennaturdenkmal. Der Bienitzhügel und die Zschampertwiesen
mit ihrer Bodenstruktur, die sich durch die voreiszeitliche und eiszeitliche
geologische Entwicklung herausgebildet hat, sind Standort für eine
einzigartige Flora und Lebensgrundlage für eine artreiche Tier- und
Insektenwelt.
Ein Lehrpfad quer durch den Bienitz. An elf Standorten mit farbigen Informationstafeln
entlang einer 3 km langen Wegstrecke kann sich der Wanderer über
die unterschiedlichen Standorte informieren. Die biologischen, geographischen,
geologischen, historischen und technischen Besonderheiten des Bienitz
können so gezielt erschlossen werden.
Renaturierung und
jetzige Nutzung des ehemaligen Militärobjektes
Im Dezember 1891 wurde im Bienitzwald mit dem Bau von Schießständen
für Handfeuerwaffen begonnen. Der Bau der Schießstände
im Bienitzwald ersetzte den bis dahin von den königlich-sächsischen
Regimentern der Leipziger Garnison für Handfeuerwaffen benutzten
Schießplatz in der »Burgaue«. 100 Jahre war dann ein
Teil des Bienitz ein immer mehr ausgebautes Militärobjekt.
1997 kaufte die Gemeinde Bienitz das Gelände mit einer Fläche
von 24,6 Hektar. Mit Fördermitteln der Europäischen Gemeinschaft
erfolgten ab 1998 der Rückbau der militärischen Anlagen, die
Rekultivierung des Geländes und die Sanierung von zwei historischen
Gebäuden. Die dazu erforderlichen umfangreichen Arbeiten wurden im
Herbst 2001 erfolgreich abgeschlossen.
Als historische Gebäude wurden die »Alte Wache« und die
»Neue Wache« saniert. Alle anderen Gebäude und Einrichtungen
wurden beseitigt. Auch die Umzäunung wurde vollständig abgebaut.
In den letzten Jahren hat die Natur bereits vieles zurück erobert.
Am 19. Dezember 2001 wurden die beiden denkmalgeschützten Gebäude
vom Leipziger Grünflächenamt, welches das Gelände verwaltet,
an die künftigen Nutzer übergeben. Die »Alte Wache«
an den Heimatverein Burghausen und die »Neue Wache« an den
Indianistik-Club »Ahwigacha« Burghausen. Die »Alte Wache«
bietet dem Heimatverein Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten. Im
Erdgeschoß der »Neuen Wache« hat der Indianistik-Club
»Ahwigacha« Burghausen sein neues Domizil gefunden, nachdem
die Blockhütte am Rande des Bienitz (auf dem Rodelbahngelände)
1997 durch Brandstiftung nieder brannte.
Auf den Schießständen sind im Zweiten Weltkrieg Hinrichtungen
erfolgt. Es wurden hier Urteile wegen »Wehrkraftzersetzung«,
»Fahnenflucht« oder »Selbstverstümmelung«
vollstreckt. Für diese Opfer der NS-Militärjustiz wurde jetzt
ein Gedenkstein an der »Alten Wache« aufgestellt (Einweihung:
19. Dezember 2001).
Dr. Rolf
Hauschild
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